TAG 1 – DAS FAZIT

Zusammenfassung des ersten Konferenztages von Mely Kiyak, Mitglied der Initiativgruppe

Guten Morgen liebe Freunde,

ich habe hier die Aufgabe den gestrigen Tag zusammen zu fassen, was natürlich unmöglich ist. Und trotzdem versuche ich es. In Sätzen, Stichworten und Metaphern, die gestern im Laufe des Tages bis tief in die Nacht gefallen sind. Die Liste ist absolut unvollständig. Natürlich. Denn, wenn es so leicht wäre, in wenigen Sätzen zusammenzufassen, was 30 Autoren aus 30 Ländern denken, dann wäre das eine reichlich seltsame Konferenz.

Denn vor nichts sollte man sich so sehr hüten, wie vor einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Denn das ist das Rezept der neuen Rechten, sagt Jonas Lüscher aus der Schweiz:
Es sei wie mit einem Kind, das verschreckt aufwacht, weil es ein Monster unter dem Bett vermutet. Der Rechtspopulist geht auf diese Angst ein und versichert: Noch schlimmer: Da unten liegen sogar zwei Monster!

Shumona Sinha aus Frankreich bescheinigt uns ein unfertiges Europa. Ihre Prognose: Es wird nie fertig werden. Kann es auch nicht.

Kefah Ali Deeb aus Syrien erklärte, warum sie nicht wie ein Flüchtling aussieht, der gerade eben die Balkanroute abgelaufen sei. Und erinnert: Wir hatten alle einmal ein Leben in Syrien.

Joanna Bator aus Polen, weiß, dass es ein paar Dinge gibt, die sie immer ablehnen wird. Kulturaustausch hin oder her. Kannibalismus gehört unbedingt dazu.

Aber vielleicht sollte man ohnehin nicht so viel feststellen. Sondern denjenigen, über die man redet und verhandelt, auch zuhören, sagt Nir Baram aus Israel. Damit meint er, dass wir manchmal Dinge im Namen anderer verhandeln, aber diese Themen nicht die Themen derjenigen sind, über die wir ständig reden.

Vielleicht ist das die große Kunst des Friedens, die uns Doris Kareva aus Estland so sehr wünscht.

Schreiben braucht den Echoraum, sagt Josef Haslinger aus Österreich. Alles Senden ist nichts ohne das Empfangen des Lesers. Auf dem Podium sitzt Zmicier Vishniou aus Belarus. Es geht um Sprache. Er nickt still. Aber Jordi Puntí aus Spanien setzt noch eine Kategorie drauf. Man schreibt nicht nur für wen. Sondern auch für die Vergangenheit. Und Gegenwart. Und Zukunft. Auch hier nickt Zmicier. Dann ist man sich einigermaßen einig, dass die Sprache des Schreibens nicht einfach zu wechseln sei, wie ein Kleidungsstück, das man nach Bedarf an und auszieht. Nun meldet sich aber eine Zuhörerin aus dem Publikum und findet das ganz schön altmodisch und fragt, wie man sich denn bitteschön einen Tee leisten soll, wenn man an der Sprache festhält und im neuen Land keine Texte verkaufen kann. Nun nicken große Teile des Publikums.

Überhaupt das Publikum. Viele Fragen. Was, wenn die Demokratie eines Tages dazu führt, dass diejenigen, die sie abschaffen wollen, die Mehrheit erlangen?
Und überhaupt, was sind die richtigen Fragen? Mehmet Yashin aus Zypern ist nicht einverstanden damit, dass wir die falschen Kategorien für Menschen verwenden. Einwanderer, Flüchtling, Immigrant, meist werden die Menschen in den nationalen Diskursen ihrer Öffentlichkeit falsch etikettiert. Und ganz schön viel wird auch erfunden. Lawen Mohtadi aus Schweden fragt, was bitte schön ist ein EU-Migrant? Und überhaupt, müsse endlich über die kolossale Diskriminierung der Roma gesprochen werden. Niemand widerspricht. Aber es hat auch niemand eine Lösung. Wie auch? Manchmal sind wir uns doch über den Befund uneinig.

Und manchmal gab es auch Momente, da war man ergriffen. Etwa, wenn ein Vogel mit einer Kehle aus Messing singt und uns erzählt: Im Exil traf ich zwei Bäume, sie wurden meine Freunde.

Najet Adouani aus Tunesien kann als Schriftstellerin im Exil endlich wieder schlafen und ausgeruht sein und mehr denn je schreiben. Ein Rosengarten vor ihrem Fenster erinnert an Momente der Kindheit. Und bei alledem ahnt man, dass es bei Flucht, Vertreibung und Exil auch um etwas geht, das Zeit braucht, bevor es fertig formuliert als These auf einem Panel vorgetragen werden kann.

Vielleicht ahnt Priya Basil aus Großbritannien das, wenn sie sich aus dem Publikum meldet und laut darüber nachdenkt, ob eine Flucht nicht nur das Leben und das Denken und die Motive verändert, sondern auch das Schreiben. Und zum ersten Mal liegt ein Moment der Erkenntnis im Raum, nämlich dass Schreiben immer um das eigene Leben kreist. Um die schönen und die tragischen Momente. Weshalb sich keiner der Autoren an diesem Tag dazu entschließen kann, ein politischer Autor zu sein. Denn Journalismus ist etwas anderes als Literatur. Auch wenn es Grenzbereiche gibt, trotzdem: Am Ende schreibt der Schriftsteller allein in seinem Zimmer, fern vom Trubel draußen, aber niemals weltabgewandt.

Am Abend, im Deutschen Theater übrigens, bei unserer langen Nacht der europäischen Literatur hat jemand Buuum gemacht. Und ein anderer hat auch Buum gemacht. In Jetons dramatischem Text kam das so vor. Jeton hat übrigens seinen Pass auf der Konferenz verloren, wer also einen kosovarischen Pass findet auf den Namen Jeton Neziraj, meldet sich bitte oder tauscht seinen Pass gegen den Jetons. Vielleicht kann Jeton mit dem neuen Pass in Spanien einreisen. Denn mit seinem jetzigen ginge das nicht. Er will in Spanien nämlich an einer weiteren Konferenz teilnehmen.

Jazra Khaleed ist mit seinem Text durch das Publikum spaziert. Und auf einmal bekam die Redewendung Literatur ins Volk tragen eine neue Bedeutung. Wütend waren die Verse übrigens. Er lebt in Griechenland. Wir konnten seinen Zorn gut nachvollziehen.

Es widerstrebt mir, die Literatur in Schlagzeilen wiederzugeben, denn das wäre ein Sakrileg. So will ich nur danken jenen Autoren, die gestern Abend lasen, Sjón aus Island, für den sein Land wie seine Wohnung ist, aber der sich auch schämt, weil diese schöne Wohnung nicht für Flüchtlinge geöffnet wird. Lidija Dimkovska aus Mazedonien las für uns, Jaroslav Rudiš aus der tschechischen Republik, oder sagt man jetzt Tschechien, er erklärte es uns, aber wir mussten so lachen und haben nichts begriffen, Dragana Mladenovic aus Serbien, Jana Beňová aus der Slowakei, Serhiy Zhadan aus der Ukraine, ein. Ihr habt uns eine wunderbare Nacht beschert, danke für die schönen, beklemmenden, heiteren, traurigen Bilder. Ach ja, und Paolo Giordano aus Italien traf für die Verfilmung seines Romans die Einsamkeit der Primzahlen mehrmals Isabella Rosselini und ja, sie ist auch in echt „very beautiful and very funny“ und ich glaube, ich vergaß zu erwähnen, dass das Manifest zur Europäischen Schriftstellerkonferenz 2016 mit den Worten Europa, Wagnis, Menschen beginnt und mit den Worten endet: mehr trinken, mehr reden.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen erfolgreichen zweiten Konferenztag.
Danke schön!

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